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Räuberzivil – Tiefenschärfe VÖ: 27.02.2015

Räuberzivil – Tiefenschärfe VÖ: 27.02.2015

Neulich titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf ihrer Internetseite provokativ: „Ist Herbert Grönemeyer noch zeitgemäß?“ Heinz Rudolf Kunze, deutscher Rockmusiker, Songwriter, Texter und eben auch Kollege Grönemeyers, hätte – ungebeten, versteht sich – die Frage nur allzu gerne beantwortet: „Nein, natürlich nicht. Zeitgemäß ist der deutsche Schlager. Wir dagegen machen etwas, mit dem man in Würde alt werden kann.“

Für Kunze impliziert das Thema der FAZ nur vordergründig Zweifel an der qualitativen Integrität des Bochumers. Vielmehr wusste er zwischen den Zeilen die unterschwellige Kritik am generellen Niveau heutiger Musikphänomene herauszulesen. Er, der wie kaum ein anderer deutscher Künstler mit Worten und Tönen intelligent jongliert, immer wieder auch diskutable Themen aufgreift und Akkordfolgen rein nach künstlerischen anstatt kommerziellen Kriterien beurteilt, unterscheidet anno 2014 stärker denn je zwischen (Schlager-) Spreu und (Singer/Songwriter-) Weizen.

Auch deshalb gibt es Räuberzivil, Kunzes Band, die vor zehn Jahren als – wie er es nennt – „leise kleine Zweitaktion“ entstanden ist und die sich in der Zwischenzeit zu einer festen Institution entwickelt hat. Auf ihren bis dato drei Veröffentlichungen konnten Räuberzivil ihr Profil schärfen. Nun, mit dem neuen Album Tiefenschärfe, ist die Mischung aus überwiegend akustischen Instrumenten und typischen Kunze-Texten endgültig zum eigenen Markenzeichen geworden.

Räuberzivil by Martin Huch

Räuberzivil by Martin Huch

Tiefenschärfe ist ein starkes Stück Musik, bestehend aus zwei CDs, 23 Songs und ebenso vielen Geschichten. Mal persönlich und feinsinnig, an anderer Stelle radikal und kompromisslos, bisweilen sogar gallig bis zornig. Der erhobene Zeigerfinger ist Kunzes Sache nicht, der Finger in der Wunde dagegen sehr wohl. Wenn er beispielsweise in ´Robert Limpert` von den barbarischen Verbrechen des Nazi-Regimes im dritten Reich erzählt, empört er durch den bloßen Inhalt der Geschichte, nicht etwa durch einen moralinsauren Gestus. Mit diesem Stück hat Kunze eine Art deutsches Gegenstück zu Bob Dylans Klassiker ´Hurricane` verfasst, eine am Beispiel des Widerstandskämpfers Limpert exemplarisch festgemachte Bestandsaufnahme der deutschen NS-Vergangenheit, „ein Schandmal“, wie er es bezeichnet.

An anderer Stelle bezieht Kunze mit spitzer Zunge unmissverständlich Stellung zu falsch verstandener Toleranz in einem zunehmend stärker eskalierenden Clash zwischen Religionen und Kulturen. „Willkommen liebe Mörder, fühlt euch wie Zuhause, nichts nehmen wir euch übel, Empörung? Nicht die Spur, ihr habt halt eine andere Umbringekultur“ textet er in ´Willkommen liebe Mörder` und sieht das Lied im Geiste von Max Frischs Drama ´Biedermann und die Brandstifter`, das laut Kunze „bewusst nicht mehr an unseren Theatern aufgeführt wird“, aus Angst vor dem Vorwurf des Rassismus. „Dieser Song wird Menschen ärgern“, sagt Kunze über ´Willkommen liebe Mörder`. Er hat ihn dennoch geschrieben. Oder gerade deswegen.

Apropos: Politischer Opportunismus ist dem deutschen Künstler genauso fremd wie musikalische Konturlosigkeit. Dem Titel des neuen Albums entsprechend haben seine Lieder nicht nur textliche Tiefenschärfe, sondern gleichzeitig auch kompositorischen Kraft. Banale Schlagerstrukturen vermeidet er ebenso wie etwa den kapriziösen Stil des französischen Chansons: „Ich bin ein anglo-amerikanisches Hörkind, bin mit Blues und Rockmusik aufgewachsen, mit der Tendenz zu handgemachter Musik.“ Zu diesem Zweck hat er bei Räuberzivil Musiker um sich geschart, die mit ihm zusammen und seinem Gusto entsprechend für den guten Ton sorgen: Ralph König spielt Gitarre, Mandoline, Banjo, Lap-Steel-Gitarre, quasi alles, was Saiten hat. Peter Pichl ist der Bassist der Band und sorgt zusammen mit Percussionist Hilko Schomerus für das Fundament der Stücke, auf dem auch die Gastmusiker Konrad Haas (Querflöte, Irische Flöte) und Martin Huch (Pedal-Steel & Lap-Steel-Gitarre) ihre hörenswerten Beiträge platzieren können.

Wie bei Heinz Rudolf Kunze kaum anders zu erwarten ist auf Tiefenschärfe natürlich nicht alles nur inhaltsschwer und wortgewaltig, sondern vieles auch humorvoll, poetisch, sensibel oder einfach nur lustig. Witz und Poesie, die Gabe zum Träumen und Sinnieren, dies alles ist seiner künstlerischen DNA in gleichem Maße fest verankert wie sein kritisch-wacher Geist. In ´Mein Anwalt und ich` nimmt sich Kunze mit spöttischer Selbstironie selbst aufs Korn, im Stück ´Am Meer stehen` sucht er in poetischen Versen die Wahrheit des Lebens, um in ´So wie du bist` eine wundervolle, intime Liebeserklärung zu vertonen.

Knapp zwei Dutzend teils beruhigende, teils aufwühlende Songs machen Tiefenschärfe zu einer bunten Wundertüte voller Musik und ihren Geschichten. Die meisten davon sind in den zurückliegenden zwölf Monaten entstanden und zeigen Kunze mehr als jemals zuvor als deutsches Pendant zu Songwriter-Legenden wie Bob Dylan, Leonard Cohen oder Nick Cave. „Diese Band ist meine Spielweise, auf der ich mich austoben kann und in der ich an keinerlei taktische Überlegungen gebunden bin“, sagt Kunze über Räuberzivil. Wohl auch deshalb ist das neue Werk Tiefenschärfe so außergewöhnlich bilderreich und bunt ausgefallen. Kunze: „Die ganze Welt kommt in diesem Album vor.“

Band:
Heinz Rudolf Kunze – Gesang, Gitarre
Ralph König – Gitarre, Mandoline, Banjo, Lap-Steel-Gitarre
Hilko Schomerus – Percussion
Peter Pichl – Bass

GASTMUSIKER:
Konrad Haas (Querflöte, Irische Flöte)
Martin Huch (Pedal-Steel & Lap-Steel-Gitarre)

Tracklisting: Tiefenschärfe

CD 1

  1. Robert Limpert
  2. Lügner
  3. Komme nicht aus Alabama
  4. Rosmarin
  5. So wie du bist
  6. General Lee
  7. 30 Prozent
  8. Am Meer Stehn
  9. Drunter und drüber
  10. Greif schon zu
  11. Ein Nichtsnutz sein

CD 2

  1. Ponderosa
  2. Papa hat Geld
  3. Es ist schwierig
  4. Brot aus Gold
  5. Samarkand
  6. Der beste Schurkendarsteller
  7. Willkommen liebe Mörder
  8. Mein Anwalt und ich
  9. Nichts als offne fragen
  10. Ich möchte scheitern
  11. Das Problem ist
  12. Tu nur was du nicht lassen kannst

Quelle: SPV

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